Ich weiß, dass ich mit Burn Out ein heikles Thema anschneide. Ich möchte auch keine theoretische Abhandlung über diese Krankheit schreiben. Davon gibt es im Internet mittlerweile genug. Es soll viel mehr ein persönlicher Bericht über meine eigene Erkrankung werden, die mich ein ganzes Jahr zum Nichtstun verurteilte. Von Anfang an bin ich offen mit der Diagnose umgegangen, um so anderen Mut auf ihrem Weg zu machen. Das möchte ich auch mit diesem Beitrag. Vielleicht kann er ja manchem in der Vorbeugung oder bei der Heilung helfen.
Burn Out als Depression
Zunächst möchte ich allerdings klären, was Burn Out eigentlich ist. Mir hat während der Erkrankung diese Einteilung sehr geholfen. Sie erklärte meine Erfahrungen und machte sie damit verständlich.
Im immer noch gültigen ICD-10 (Diagnosekatalog der WHO) gilt Burn Out als Zusatzdiagnose (Z73.0). Sie braucht daher immer eine Hauptdiagnose (ändert sich im ICD-11). Bei mir war diese Hauptdiagnose „Depression“. Unter einer Depression konnte ich mir wesentlich mehr vorstellen als unter dem sehr allgemeinen Begriff von Burn Out, auch wenn dieser in aller Munde ist. Außerdem gilt der Begriff Burn Out als Erfolgskrankheit und ich hielt mich dafür für unwürdig. In keinster Weise sah ich meine Erkrankung als Ergebnis eines Erfolges.
Diagnose Burn Out
Ich erinnere mich noch gut, als ich am Pfingstsonntag 2025 bei meiner Ärztin war und ihr erzählte, was mir passiert war und wie es mir geht. Am Ende meiner Erzählung fügte ich noch die Frage an: „Wie kann ich ein Burn Out verhindern?“ Ihre Antwort klingt bis heute in meinem Kopf nach: „Du kannst nichts verhindern, wo du schon mittendrin bist.“ In diesem Moment schossen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“ – „Krankenstand, endlich Ruhe!“ – „Krank? Das geht doch nicht!“ – „Wie geht es jetzt weiter?“ Den letzten Gedanken habe ich auch laut ausgesprochen. „Du brauchst eine längere Auszeit von einigen Monaten.“ war die Antwort meiner Hausärztin.
Mein Gehirn war immer noch im „To do“ Modus und meine Gedanken kreisten sofort um die Organisation dieser Auszeit und was das für die Pfarre und meine Arbeit bedeutet. Wer was vorübergehend übernehmen könnte und wie ich im Herbst 2025 wieder einsteigen könnte. Ich hoffte nur, dass ich die Reha im Sommer noch genehmigt bekomme, ansonsten müsste ich eben dann für die Reha noch einmal aussetzen. Aber das wäre vorausschauend planbar und damit machbar. Es dauerte nur einige Minuten und in meinem Kopf war alles genau geregelt. Verstanden habe ich von dem, was mir meine Ärztin zu erklären versuchte, gar nichts. Ich dachte immer noch an einen längeren Urlaub um mich zu erholen. Mit neuen Kräften würde ich dann im Herbst wieder durchstarten.
Gab es Vorzeichen oder Hinweise?
Diese Frage quälte mich vor allem am Beginn massiv. Habe ich Warnhinweise übersehen oder missachtet? Was hätte ich anders machen können oder müssen? Ich habe zu diesem Thema auch einige Einträge in mein Tagebuch geschrieben, das ich angefangen habe. Um ganz ehrlich zu sein, bin ich auch schnell fündig geworden.
Der neue Job als Pfarrer von Mühlviertel-Mitte ab Jänner 2024 machte mir wahnsinnigen Spaß. Ich bin am Beginn tatsächlich jeden Tag voll Freude aufgestanden und habe mich in den Aufbau der neuen Pfarre hineingesteigert. Natürlich kehrt nach einigen Monaten so etwas wie Alltag ein. Ich versuchte in regelmäßigen Abständen neue Projekte zu starten. Mein Schwerpunkt lag vor allem in der pfarrlichen Öffentlichkeitsarbeit. Neben der Homepage und dem wöchentlichen Newsletter gab es von Beginn an monatliche Sendungen im Freien Radio Freistadt. Zusätzlich habe ich dann nach einigen Monaten ein Videoformat ins Leben gerufen, das wöchentlich im Sinne von Nachrichten über Geschehnisse und Veranstaltungen in der Pfarre informierte. Daneben gab es natürlich auch die liturgischen, spirituellen Angebote und die Verwaltungsaufgaben, die ich als Pfarrer zu erledigen hatte.
Müdigkeit
Auf der anderen Seite bin ich immer wieder in Seminaren und Fortbildungen eingeschlafen. Ich habe dies auf eine schlaflose Nacht geschoben. Daher habe ich diesem Umstand keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Doch die Situation wurde immer schlimmer. Irgendwann einmal waren es nicht mehr nur Seminare, sondern auch Treffen und Sitzungen mit (ehrenamtlichen) Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Es war mir zwar sehr peinlich und ich schämte mich maßlos dafür, aber ich habe es immer noch auf einzelne schlaflose Nächte geschoben. Heute weiß ich freilich, dass ich hier schon längst die Notbremse hätte ziehen müssen. Es waren im Nachhinein betrachtet ja nicht nur einzelne schlaflose Nächte. Ich hatte über mehr als ein Jahr kaum länger als drei bis vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Hygiene
Bei einem zweiten Thema fällt es mir sehr schwer, darüber zu berichten, weil es sehr persönlich ist. Bei vielen Berichten von Burn Out Patienten ist allerdings davon die Rede, daher möchte ich es zumindest erwähnen. Dieser Bereich fällt in erster Linie der Umgebung auf, wird allerdings oft aus Höflichkeit nicht angesprochen. Ich habe die letzten Monate vor meinem Zusammenbruch auch meine persönliche Hygiene vernachlässigt. Da jede Tätigkeit extrem viel Energie brauchte, war ich nicht mehr in der Lage, mich regelmäßig zu pflegen. Ich weiß nicht, was sich Menschen damals über mich gedacht haben, aber meine Krankheit machte es mir fast unmöglich, diese Tätigkeiten zu erledigen.
Ernährung
Einen Aspekt möchte ich noch erwähnen, weil er wesentlich zu meiner Heilung beigetragen hat. Da ich eigentlich „dauermüde“ war, fehlte mir die Energie für den Alltag. Ich fühlte mich energielos. Daher suchte mein Körper natürlich nach Energie, nach schnell verfügbarer Energie. Diese findet er natürlich im Essen von enormen Mengen von Zucker. Meine Binge Eating Störung wurde in den Monaten vor meinem Krankenstand immer schlimmer. In den meisten Wochen holte ich mir drei bis vier mal pro Woche mein Abendessen in einem bekannten Fast Food Restaurant, wo ich mir ca. 5000 kcal hineinschob.Das hatte zur Folge, dass ich mich kaum noch bewegen konnte und deshalb auch viele Kilos zugenommen habe. Mir viel das alles damals natürlich nicht auf.
Vergesslichkeit
Ein letztes Anzeichen trat erst ein bis zwei Wochen vor meinem Zusammenbruch auf. Ich begann plötzlich Termine zu vergessen. Nicht nur beruflich, auch private Termine mit Freunden habe ich plötzlich verschlafen, vergessen, waren einfach weg. Jetzt war selbst mir klar: Es ist Feuer am Dach!! Das war ein Alarmzeichen, das ich nicht mehr ignorieren konnte. Mein Verstand hatte nicht einmal mehr genug Energie, um die wesentlichen Funktionen meines sozialen Lebens aufrecht zu erhalten. Es war die Woche vor Pfingsten.
Also dachte ich mir, ich nehme mir nach Pfingsten eine Woche frei, um mich zu erholen. Dazu kam es dann leider nicht mehr, denn während des Gottesdienstes am Pfingstsonntag gaben plötzlich meine Beine nach und ich hatte Glück, dass ich gerade bei meinem Sitz stand und dadurch nur in diesen sank. Unmittelbar nach dem Gottesdienst habe ich meine Hausärztin und gute Freundin angerufen, dass ich dringend einen Termin brauche. Noch am selben Nachmittag war ich bei ihr.
Meine Symptome
Was waren aber nun die Symptome der Erkrankung? Habe ich bislang nur über Hinweise und Warnzeichen gesprochen, so geht es nun um tatsächliche Symptome, die ich in den nächsten Wochen und Monaten bemerken sollte. Hier ist mir noch wichtig festzuhalten: Jede Burn Out Erkrankung ist anders!! Nur weil du ein Symptom nicht hast, dass ich hier beschreibe oder umgekehrt, ist das kein Kriterium deiner Erkrankung.
Motivations- und Antriebslosigkeit
Ich beginne hier gleich mit dem schlimmsten Aspekt meiner Erkrankung. In den ersten Tagen nach der Diagnose habe ich es ja noch geschafft, einzelne Termine wahrzunehmen. Doch schon sehr bald sank mein Antrieb gegen „0“. Als ich das Burn Out als solches akzeptierte, zeigte es mir sein schlimmstes Gesicht: Motivation- und Antriebslosigkeit.
Im psychotherapeutischen Propädeutikum habe ich gelernt, dass dies ein Merkmal einer Depression ist. Sie jedoch selbst zu erleben, war noch einmal etwas ganz anderes. Auch wenn ich es mir natürlich schlimm ausgemalt habe, so war dies nichts im Vergleich zu dem, was ich nun erlebte. Ich konnte absolut gar nichts tun. Ich war froh, wenn ich an einem Tag eine Überweisung im Internetbanking fertig brachte. Danach musste ich allerdings schon wieder ausspannen, weil meine Kräfte am Ende waren. Auch nur in die Nähe eines normalen Arbeitsalltags zu kommen, war außerhalb jeder Vorstellung. Ich muss gestehen, dieses Symptom war für mich im Nachhinein die schrecklichste Fratze, die ich von dieser Krankheit zu sehen bekam.
Müdigkeit und Schlaf
Das Thema „Schlaf“ beschäftigt mich nach wie vor. Denn während ich am Beginn kaum schlafen konnte, begann sich mein Körper den Schlaf zu holen, der ihm in den Monaten davor gefehlt hat. Ich habe also über die ersten Monate eigentlich nur geschlafen. Zumeist bin ich nur dreimal pro Tag kurz aufgestanden, um zu essen und mit meinem Hund hinauszugehen. Dies führte innerhalb relativ kurzer Zeit dazu, dass mein Tag/Nacht Rhythmus vollkommen durcheinander gekommen ist. Ich bin dann irgendwann in der Nacht aufgestanden, habe bis weit in den Vormittag geschlafen und dann wieder umgekehrt. Um den Kreuzschmerzen vorzubeugen, die sich aufgrund des langen Liegen einstellten, nahm ich zumeist schon vorbeugend Schmerzmittel in hochdosierter Form. Daher war ich zumindest meist schmerzfrei.
Irgendwann im Spätherbst habe ich mir dann eine Smartwatch geleistet, damit ich meine Schlafqualität tracken konnte. Da im Herbst dann auch wieder zumindest vereinzelt Termine bei Ärzten und Therapeuten waren, begann sich zu diesem Zeitpunkt die Situation etwas zu verbessern. Termine zwingen mich, mir wieder einen regelmäßigen Tag/Nacht Rhythmus anzueignen.
Binge Eating
Das Thema „Essen“ beschäftigt mich seit meiner Kindheit. Es fällt mir seit damals schwer, ein gesundes Essverhalten zu bewahren. Gerade in den Monaten vor der Diagnose und während meiner ersten Monate im Krankenstand kam es zu vielen Essattacken. Ich stopfte teils horrende Mengen an (zumeist) Fast Food in mich hinein, um das Energiedefizit auszugleichen, das ich aufgrund des Schlafmangels hatte. Dadurch habe ich innerhalb weniger Monate noch einmal viele Kilos zugenommen. Ich konnte mich kaum noch bewegen.
Zum Thema „Binge Eating Störung“ wird es in der nächsten Zeit einen oder mehrere eigene Beiträge geben.
Probleme mit Menschengruppen
Ein Problem, das mich völlig überraschend getroffen hat, war, dass ich plötzlich Probleme mit großen Gruppen hatte. Seit ich denken kann, habe ich mich in Menschengruppen wohlgefühlt. Es gab fast nichts Schöneres für mich als am Einkaufssamstag vor Weihnachten durch ein Einkaufszentrum zu spazieren und die Leute zu beobachten. Plötzlich überforderten mich kleine Gruppen von 20 oder 30 Personen im selben Raum.
Ich muss gestehen, dass ich diese Erfahrung überhaupt nicht einordnen konnte. Daher fragte ich natürlich bei Ärzten und Therapeuten nach. Aber auch von denen kam kaum eine befriedigende Antwort. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr in der Lage war zu filtern. Wie selbstverständlich filtere ich normalerweise Eindrücke, denen ich begegne. Nur so kann ich mich in einem vollen Raum vernünftig mit jemandem unterhalten. Plötzlich prasselten alle Gespräche auf mich ein und mein Gegenüber war nur noch eine von ganz vielen Stimmen, die in meinem Kopf um Aufmerksamkeit kämpften. Ich war damit überfordert, die anderen Stimmen einfach zu ignorieren.
Im Laufe meiner Genesung hat sich dieses Problem allerdings Gott sei Dank wieder verabschiedet. Ich bemerke zwar immer noch, dass mich ganz große Menschenmengen belasten. Das Filtern kostet mich immer noch mehr Energie als vor der Erkrankung. Aber ich kann mich wieder auf ein Gespräch konzentrieren, ohne alle anderen Stimmen gleichzeitig im Kopf zu haben.
Burn Out – was hilft?
Eine Frage, die ich mir selbst in den vergangenen Monaten immer wieder stellte, ist: Wenn ich bei einem Freund/einer Freundin Anzeichen eines drohenden Burn Out bemerke, wie kann ich helfen? Damit ist die zweite Frage verbunden: Wie hätte mir damals jemand helfen können?
Ich besuchte ca. zwei Wochen vor meinem Zusammenbruch ein Seminar über den richtigen Umgang mit Stress. Ich brauche nicht extra zu erwähnen, dass ich auch dabei einige Male eingeschlafen bin. Die Seminarleiterin hat mich dann in einer Pause darauf angesprochen und versuchte mich zu warnen. Sie hat mir auch einige Tipps gegeben, wie ich mit dem Schlafrückstand, auf den ich alles schob, umgehen sollte. Leider war ich zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen taub auf diesem Ohr. Ich habe ihre Warnung in den Wind geschlagen mit dem Argument, dass sie mich ja nicht wirklich kenne und mich nur diese beiden Tage gesehen hat. Auch wenn vielleicht irgendetwas in mir die Warnung gehört hat (sonst würde ich mich nicht erinnern), so reichte meinem Verstand die Ausrede, die ich fand.
Außerdem habe ich in dieser Zeit mit einer Kollegin getroffen, die sich gerade von einem Burn Out erholte. Sie erzählte mir, wie es ihr erging und wie sie bemerkte, dass es eben nicht mehr ging. Ich habe mich zwar in vielen Bereichen wieder gefunden, meinte aber in maßloser Selbstüberschätzung, dass mir so was nicht passieren könnte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, dass diese Selbstüberschätzung bereits ein Teil der Erkrankung ist.
Burn Out – ein versöhnlicher Abschluss
Abschließend glaube ich nicht, dass es ein Patentrezept gibt, wie man jemandem helfen kann, der Gefahr läuft, in ein Burn Out zu schlittern. Vielleicht nur so viel. Mir hat sehr geholfen, dass Freunde auch in der Erkrankung mir geholfen haben. Das soziale Netz wird gerade in dieser Situation ganz besonders wichtig. Ich konnte gemeinsam mit meiner Mutter und mit Freunden gemeinsam schweigen, erzählen und manchmal auch einfach nur „sudern“. Das war es, das mir half und immer noch hilft.
Disclaimer: Dieser Beitrag ist kein medizinischer, psychologischer oder therapeutischer Bericht, sondern er schildert meine persönlichen Erfahrungen mit meiner Krankheit. Er ersetzt keine Behandlung oder Therapie!!

Sehr berührender und authentischer Bericht lieber Andy. Wir durften das ja auch mitverfolgen und freuen uns sehr dass es wieder aufwärts geht bei dir! Viele liebe Grüße und einen erholsamen Sonntag zum Auftanken wünscht dir Eva
Danke Eva für dein Feedback!! Wünsche auch Dir noch einen schönen Sonntag!!